Die Grenzen der Auseinandersetzung

Stellungnahme des AK Antisemitismus zur Verhinderung seiner Veranstaltung auf der Ferienakademie der Rosa-Luxemburg-Stiftung durch das Studienwerk

„Freiheit ist immer nur Freiheit des anders Denkenden. Nicht wegen des Fanatismus der ‚Gerechtigkeit‘, sondern weil all das Belehrende, Heilsame und Reinigende der politischen Freiheit an diesem Wesen hängt und seine Wirkung versagt, wenn die ‚Freiheit‘ zum Privilegium wird.“ (Rosa Luxemburg)

Am 19. März 2011 wird Tilman Tarach im Karl-Liebknecht-Haus zum Thema „Feindbild Israel – Der ewige Sündenbock“ referieren. Das Anliegen der Veranstaltung ist es, die in der Linken selbstverständlichen „Gewissheiten“ über den jüdischen Staat einer Kritik zu unterziehen und diesen antisemitischen Gerüchten Fakten entgegenzusetzen, die das geläufige Bild von israelischen Tätern und palästinensischen Opfern erschüttern. Was selbst noch in Räumen der Zentrale der israelfeindlichen Avantgarde der relevanten bundesdeutschen Parteienlandschaft, der Partei „Die Linke“, möglich zu sein scheint, markiert in der parteinahen Rosa-Luxemburg-Stiftung jedoch die „Grenze der Auseinandersetzung“1.

Diese „Grenze der Auseinandersetzung“ haben zwei Mitarbeiter des Studienwerks der Stiftung, Marcus Hawel und Moritz Blanke, im vergangenen Jahr in einem Sammelband zum als Nahost-Konflikt verharmlosten antisemitischen Krieg gegen Israel als dann überschritten bestimmt, wenn innerhalb der deutschen Linken „sich wechselseitig Antisemitismus, Philosemitismus oder Rassismus“ vorgeworfen und „die Linke zumindest zu diesem Thema paralysiert“ wird.2 Es soll hier nicht näher darauf eingegangen werden, dass sich das Studienwerk dennoch entblößte, Tilman Tarach ohne haltbaren Beleg Rassismus vorzuwerfen, um einen vom AK Antisemitismus vorgeschlagenen Einzelvortrag von Tilman Tarach auf der Ferienakademie der Rosa-Luxemburg-Stiftung zu verunmöglichen. Vielmehr als die eigene Inkonsequenz des Studienwerks hinsichtlich der selbst gesetzten Grenzen der Auseinandersetzung, sind es diese Grenzen überhaupt, die den Gegenstand der Kritik markieren. Denn wo der Antisemitismus gedeihen kann, ist an die Emanzipation des Menschen nicht zu denken und wo die Benennung des Antisemitismus einem innerlinken Burgfrieden Willen zu unterbleiben hat, manifestiert jene Linke sich als Hort der Gegenaufklärung. Es ist nicht die Benennung des Antisemitismus, welche die Linke paralysiert, sondern es ist der Antisemitismus als solcher.

Bis heute ist Jean Amérys Ende der 1960er Jahre formulierte Hoffnung, dass der „Augenblick einer Revision und neuen geistigen Selbstbestreitung der Linken gekommen [ist]“, durch diese Linke immer und immer wieder enttäuscht, ja mehr noch: zertreten und zerschlagen worden, „denn sie [die Linke] ist es, die dem Antisemitismus eine ehrlose dialektische Ehrbarkeit zurückgibt“3. Der Antisemitismus, dem durch die Existenz und Verteidigungsfähigkeit des Staates Israel objektive Grenzen gesetzt werden, ist mit den Worten Amérys „im Anti-Israelismus oder Anti-Zionismus wie das Gewitter in der Wolke [enthalten]“4, er reproduziert sich geopolitisch nach der Shoah und nach der gegen arabische Aggressionen erfolgreich durchgesetzten israelischen Staatsgründung als Antizionismus. Wie jeder Antisemitismus ist auch der Antizionismus der deutschen Linken in nichts anderem begründet als in projektivem Selbsthass.

Insofern scheint auch Sartres Erkenntnis in die Linke keinen Einzug gefunden zu haben, nämlich dass „der Antisemitismus des Antisemiten von keinem äußeren Faktor herstammt“5, dass er also weder historischen oder sozialen Tatsachen geschuldet ist, noch in gemachten Erfahrungen gründet. Im Gegenteil, erkannte Sartre, ist es der Antisemitismus, „der die Erfahrung beleuchtet“6. Nichts hat er mit israelischen Selbstverteidigungsmaßnahmen oder elenden materiellen Lebensbedingungen der zu Palästinensern kollektivierten Einzelnen zu tun, sondern mit der antisemitischen, islamistischen Propaganda von Hamas und anderen Gotteskriegern und vor allem mit der Furcht des Antisemiten vor Individualität, Freiheit, Verantwortung und Veränderung, wenn sich der nächste von ihnen „Allahu akbar“ schreiend in einer israelischen Einkaufsstraße in die Luft sprengt um möglichst viele Juden zu morden.

Wenn die erwähnten Mitarbeiter des Studienwerks mit ihrem Sammelband, in dem linke Identität und Gemeinschaft gegen die viel beschworene Antisemitismuskeule in Stellung gebracht werden, einen Beitrag dazu leisten wollen, „die gegenwärtige festgefahrene Kontroverse über den Nahostkonflikt innerhalb der Linken in Deutschland in produktive Bahnen zurückzuführen7 – als ob es eine innerlinke Tradition der Kritik des Antisemitismus überhaupt gäbe, an die es anzuknüpfen gelte – dann möchten wir eine solche Linke lieber heute als morgen auf dem Müllhaufen der Geschichte wiederfinden. Weil der linken Tradition die Kritik des Antisemitismus nichts, aber dafür die Sache der Palästinenser alles ist, wird auch das Studienwerk nicht müde zu betonen, dass für Israel parteinehmende Polemiken zu einer Lösung des so genannten „Nahost-Konflikts“ nichts beitragen. Weil der „Nahost-Konflikt“, dem erwähnten Sammelband zufolge, mit dem Antisemitismus diskursiv vermengt werde – als seien die toten Israelis Opfer eines Sprechaktes –, sein Kern jedoch vielmehr in der Okkupation „palästinensischen“ Territoriums, der Unterdrückung der Palästinenser, der Verhinderung ihrer „nationalen Selbstbestimmung“8 und schließlich – das darf nicht fehlen – in „Apartheid“9 bestünde, ist eine Kritik des Antisemitismus, auf die in jenem Sammelband daher auch vollkommen verzichtet wird, ein undifferenziertes, zu einseitiges, gar geschichtsrevisionistisches und rassistisches Anliegen.

Weil wir aber für die Gegenwart wissen und für die Zukunft inständig hoffen, dass der „Nahost-Konflikt“ weder auf der Ferienakademie der Rosa-Luxemburg-Stiftung noch durch die deutsche Linke gelöst werden wird, lassen wir uns nicht auf eine Diskussion über diese größenwahnsinnige Illusion ein und vertrauen stattdessen vielmehr in die israelische Diplomatie und in Israels Verteidigungskräfte, eine Endlösung des „Nahost-Konflikts“ zu verhindern. Wir wollen die Kritik des Antisemitismus in den Mittelpunkt rücken, weil wir mit diesem unmittelbar auch und gerade in der Rosa-Luxemburg-Stiftung konfrontiert sind und uns davon versprechen, zumindest die linken Selbstverständlichkeiten Einzelner ins Wanken zu bringen und mit unseren bescheidenen Möglichkeiten die linke Gemeinschaft in ihrem Israel-Bild zu verunsichern. Wir werden alle Räume, die uns für dieses Vorhaben zur Verfügung stehen, nutzen, auch wenn das Studienwerk die Ferienakademie der Rosa-Luxemburg-Stiftung als Raum für eine kompromisslose Antisemitismuskritik verweigert.

AK Antisemitismus, März 2011

  1. Hawel, Blanke (2010): Der Nahostkonflikt. Befindlichkeiten der deutschen Linken. 7.
  2. Hawel, Blanke (2010): Der Nahostkonflikt. 7.
  3. Améry (1969): Der ehrbare Antisemitismus.
  4. Améry (1969): Der ehrbare Antisemitismus.
  5. Sartre (1994): Überlegungen zur Judenfrage. 14.
  6. Sartre (1994): Überlegungen zur Judenfrage. 12.
  7. Hawel, Blanke (2010): Der Nahostkonflikt. 13. Hervorhebung d. A.
  8. Vgl. Hawel, Blanke (2010): Der Nahostkonflikt. 132.
  9. Hawel, Blanke (2010): Der Nahostkonflikt. 140.

2 Antworten auf „Die Grenzen der Auseinandersetzung“


  1. 1 Yossi B 20. März 2011 um 12:21 Uhr

    Ein interessanter Artikel über die „Fakten“, mit denen Tarach die „antisemitische Gerüchten“ entgegensetzt:

    http://schmok.blogsport.eu/2010/04/08/tilman-tarach-der-neue-deutsche-alan-dershowitz/

  2. 2 Ralf Hoffrogge 23. März 2011 um 13:56 Uhr

    Es ist genau diese Form von Polemik, die weder im Nahen Osten noch hier irgendwem weiterhilft. Wenn im Namen der Antisemitismuskritik der Staat Israel als organisches und unkritisierbares Kollektiv erscheint, aber die arabische Bevölkerung in Israel und den besetzten Gebieten als „zu Palästinensern kollektivierten Einzelne“ jeder Subjektstatus abgesprochen wird, dann erübrigt sich jede Diskussion. Denn Diskussion, bedeutet, den Diskussionspartner, die Gegenüber-Gruppe anzuerkennen – samt ihren Widersprüchen und Brüchen. Israel ist intern völlig zerrissen über die „Palästinensische Frage“ – genauso wie es in den arabischen nachbarländern und den Palästinensischen Gebieten tiefe Spaltungen gibt zwischen säkularen, religiösen und Islamistischen Gruppen und Individuen.

    Wer diese Spaltungen nicht sehen will, dem bleibt nur übrig, sich die Welt als Wille und Vorstellung zu bilden: Israel als organisches Kollektiv, bei dem die Kritik der Nation ungebührlich ist – die Palästinensichen „Einzelnen“ als atomisierte Objekte, denen jede Gruppenexistenz und jede Kollektivität abgesprochen wird.

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