Deutsche Ideologie oder deutsche Befindlichkeiten? Streitgespräch über die Linke, den Zionismus und den Antisemitismus

Mit Marcus Hawel und Joachim Bruhn.
Moderation: Wenke Christoph.

27. März 2012, 20 Uhr
Ferienakademie der Rosa-Luxemburg-Stiftung
Brandenburg, Jugendbildungszentrum Blossin e.V.

Das Ende der durch die Alliierten erzwungenen Teilung Deutschlands, der erste Golfkrieg, die zweite Intifada und schließlich die Terroranschläge vom 11. September 2001 markieren welthistorische Ereignisse, die einschneidende Erfahrungen auch für die Linke in Deutschland zu bedeuten hätten. Seit Anfang der 1990er Jahre wurden scheinbar unhintergehbare Gewissheiten linker Identität, die das kurze 20. Jahrhundert dominierten, dementsprechend immer wieder in Frage gestellt und doch halten sie sich, in teilweise transformierter Form, weiterhin beharrlich. Die von antideutschen Kommunist_innen an und gegen die Linke vorgebrachte Kritik des antisemitischen Charakters des praktizierten Antifaschismus, Antiimperialismus und Antikapitalismus verdichtete sich alsbald in der zum mitunter gewalttätigen Konflikt ausgearteten Gretchenfrage: »Wie hast du’s mit dem Judenstaat?«

Auch das Studienwerk der Rosa-Luxemburg-Stiftung blieb von diesem Konflikt nicht unberührt. Unter den aneinander vorgebrachten Vorwürfen des Rassismus, des Bellizismus oder des Geschichtsrevisionismus einerseits und der Gegenaufklärung, des Kulturrelativismus sowie des Antisemitismus andererseits wurden geplante Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen zur Disposition gestellt und mitunter verhindert. Dieser Situation geschuldet, soll die Auseinandersetzung um antideutsche Kritik, statt sie nur aneinander vorbei zu führen, nun auf ein gemeinsames Podium getragen werden. Marcus Hawel und Joachim Bruhn werden mit einem Streitgespräch an eine der linken Traditionen anknüpfen, die den Vorteil bietet, nicht in einer dem Ritual ähnelnden Forderung nach Konsens münden zu müssen. Vielmehr wären, wie es so schön heißt, die Karten erst einmal offen auf den Tisch gelegt und die Gäste des Streits können die gegen- und aneinander vorgebrachten Kritiken auf ihre jeweilige Qualität überprüfen.

Marcus Hawel ist Mitarbeiter des Studienwerks der Rosa-Luxemburg-Stiftung, betreut die jüngst angelaufene Seminarreihe »Linke Perspektiven auf den Nahostkonflikt« und ist unter anderem Herausgeber des Sammelbandes »Der Nahostkonflikt. Befindlichkeiten der deutschen Linken.« Er vertritt die Position, der Blick auf den israelisch-palästinensischen Konflikt werde hierzulande von deutschen Befindlichkeiten überschattet und legitime Israel- und insbesondere Zionismuskritik werde zuweilen unzulässigerweise mit Antisemitismus gleichgesetzt. Hawel plädiert dafür, die Auseinandersetzungen um die Vernunft des Zionismus nach Auschwitz nicht mit denen um den israelisch-palästinensischen Konflikt zu vermengen, sondern beides im Interesse eines realpolitischen Ansatzes zur Lösung der Konflikte getrennt voneinander zu behandeln. Er versucht eine äquidistante Position im Nahostkonflikt zu beziehen und hält langfristig die Gründung eines gemeinsamen israelisch-palästinensischen Staates für vernünftig.

Joachim Bruhn ist Mitglied der Freiburger Initiative Sozialistisches Forum und Mitbetreiber des ça ira-Verlags. Er hat unter anderem das Buch »Was deutsch ist. Zur kritischen Theorie der Nation« veröffentlicht, insistiert darauf, dass Kritik, die die Erfahrung von Auschwitz nicht in das Innerste ihrer Kategorien aufzunehmen und zu reflektieren bereit ist, deutsche Ideologie wäre und möchte die Einheit der Kritik bewahren. Die Barbarei als eine qualitativ neue, dem Kapital entsprungene wie auch entronnene Gesellschaftsform affiziere den Zeitkern der Wahrheit, die Unterscheidung von Antisemitismus und Antizionismus, wie auch deren zeitgemäße Erscheinungsform mit dem Namen Israelkritik, gehöre dem Arsenal der Propaganda an. Israel und seine Armee würden den bewaffneten Arm der revolutionären Kritik im Stande ihrer gesellschaftlichen Unmöglichkeit darstellen und damit beweisen, dass die Militanz der Vernunft noch eine Zukunft hätte. Ein israelisch-palästinensischer Einheitsstaat wäre das Gegenteil der Vernunft, ihre Verwirklichung stattdessen die Abschaffung des Antisemitismus in der staaten- und klassenlosen Weltgesellschaft. Zur vorbereitenden Lektüre empfiehlt Bruhn die von der ISF herausgegebene Aufsatzsammlung: »Furchtbare Antisemiten, ehrbare Antizionisten. Über Israel und die linksdeutsche Ideologie.«